Jugendforschung


Unseren Angeboten liegen unter anderem die jeweils aktuellen Ergebnisse der Kinder- und Jugendforschung zugrunde. Sie helfen, aktuelle Entwicklungen und Beobachtungen zu verstehen und Jugendarbeit perspektivisch auszurichten.

Wir machen zentrale Ergebnisse für die Evangelische Kinder- und Jugendarbeit zugänglich und gestalten zu ausgewählten Schwerpunkten Angebote.


Jugendforschungsergebnisse zum Thema Teilhabe

Die Frage nach der Teilhabe von Kindern und Jugendlichen ist seit Jahren ein zentrales Thema der Jugendforschung. Aktuelle Studien zeigen dabei ein differenziertes Bild: Einerseits besteht bei jungen Menschen ein hohes Interesse an Mitbestimmung und gesellschaftlicher Beteiligung, andererseits erleben viele von ihnen strukturelle Hürden, die eine tatsächliche Teilhabe einschränken.
Zentrale Erkenntnisse liefern unter anderem die Shell-Jugendstudien, die SINUS-Jugendmilieustudien sowie Untersuchungen des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Diese Studien machen deutlich, dass Jugendliche keineswegs politikfern oder desinteressiert sind, sondern sich vielmehr selektiv und themenbezogen engagieren.

Interesse an Beteiligung und Engagementformen

Die Shell-Jugendstudien zeigen seit Jahren eine stabile Bereitschaft junger Menschen, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Besonders hoch ist das Engagement in Bereichen, die unmittelbar an die eigene Lebenswelt anschließen – etwa in Schule, Freizeit, Umweltfragen oder sozialen Projekten. Klassische Formen politischer Beteiligung wie Parteimitgliedschaften verlieren hingegen an Bedeutung.
Jugendliche bevorzugen flexible, projektbezogene und niedrigschwellige Beteiligungsformate. Engagement wird häufig dann als sinnvoll erlebt, wenn es konkret, überschaubar und wirksam ist. Diese Entwicklung wird auch als „situatives Engagement“ beschrieben: Jugendliche engagieren sich punktuell, dafür aber intensiv und mit hoher Motivation.
Zugleich zeigt sich, dass digitale Räume eine immer größere Rolle spielen. Politische Meinungsbildung, Protestformen und Beteiligung verlagern sich teilweise in soziale Medien. Hier entstehen neue Formen von Teilhabe, die jedoch nicht immer von Erwachsenen oder Institutionen als solche anerkannt werden.

Wahrgenommene Wirksamkeit und Beteiligungserfahrungen

Ein zentraler Faktor für gelingende Teilhabe ist die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Studien zeigen, dass Jugendliche sich insbesondere dann engagieren, wenn sie den Eindruck haben, tatsächlich etwas bewirken zu können. Umgekehrt führen Erfahrungen von Nicht-Beachtung oder symbolischer Beteiligung zu Frustration und Rückzug.
Viele Jugendliche berichten, dass ihre Meinungen in institutionellen Kontexten – etwa in Schule oder Politik – nicht ausreichend berücksichtigt werden. Beteiligungsformate werden teilweise als formal oder wenig verbindlich wahrgenommen. Dies deutet auf eine Diskrepanz zwischen vorhandenen Beteiligungsangeboten und deren tatsächlicher Wirkung hin.
Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass positive Beteiligungserfahrungen langfristige Effekte haben: Wer früh erlebt, dass die eigene Stimme zählt, entwickelt ein stärkeres politisches Interesse und eine höhere Bereitschaft, sich auch später zu engagieren.

Soziale Ungleichheit in der Teilhabe

Ein zentrales Ergebnis der Jugendforschung ist die ungleiche Verteilung von Teilhabechancen. Bildungsstand, sozioökonomischer Hintergrund und familiäre Ressourcen haben einen erheblichen Einfluss darauf, ob und wie Jugendliche sich beteiligen können.
Jugendliche aus bildungsnahen Milieus nutzen Beteiligungsangebote häufiger und selbstverständlicher. Sie verfügen oft über mehr Unterstützung, Informationen und Zugänge. Demgegenüber sind Jugendliche aus benachteiligten Lebenslagen deutlich seltener in Beteiligungsprozesse eingebunden. Dies betrifft insbesondere junge Menschen mit geringeren Bildungschancen, mit Migrationsgeschichte oder aus finanziell belasteten Familien.
Die SINUS-Jugendmilieustudien verdeutlichen zudem, dass sich Einstellungen zur Teilhabe stark nach Lebenswelten unterscheiden. Während einige Milieus stark auf Selbstverwirklichung und Mitgestaltung ausgerichtet sind, erleben andere ihre Einflussmöglichkeiten als begrenzt und zeigen entsprechend geringere Beteiligungsbereitschaft.
Diese Befunde machen deutlich, dass Teilhabe nicht nur angeboten, sondern aktiv ermöglicht und begleitet werden muss. Niedrigschwellige Zugänge, zielgruppenspezifische Ansprache und unterstützende Strukturen sind entscheidend, um bestehende Ungleichheiten zu reduzieren.

Institutionelle Beteiligung und ihre Grenzen

In vielen institutionellen Kontexten – etwa Schule, Kommune oder Jugendhilfe – wurden in den vergangenen Jahren Beteiligungsstrukturen ausgebaut. Beispiele sind Schülervertretungen, Jugendparlamente oder Beteiligungsprojekte in der offenen Jugendarbeit.
Die Forschung zeigt jedoch, dass diese Strukturen häufig an Grenzen stoßen. Zum einen fehlt es teilweise an echten Entscheidungskompetenzen, zum anderen an Verbindlichkeit in der Umsetzung von Ergebnissen. Jugendliche erleben Beteiligung dann als wenig glaubwürdig, wenn ihre Vorschläge keine sichtbaren Konsequenzen haben.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die fehlende Passung zwischen institutionellen Formaten und den Lebensrealitäten junger Menschen. Starre Strukturen, lange Entscheidungswege und formalisierte Abläufe entsprechen oft nicht den Erwartungen und Bedürfnissen Jugendlicher.
Erfolgreiche Beteiligungsprozesse zeichnen sich hingegen durch Transparenz, Verlässlichkeit und echte Mitgestaltungsmöglichkeiten aus. Sie sind dialogisch angelegt und berücksichtigen die Perspektiven junger Menschen von Anfang an.

Teilhabe in einer digitalen und pluralen Gesellschaft

Die Lebenswelten von Jugendlichen sind zunehmend digital, plural und individualisiert. Dies hat direkte Auswirkungen auf Formen der Teilhabe. Digitale Medien eröffnen neue Möglichkeiten der Beteiligung, etwa durch Online-Petitionen, Social-Media-Kampagnen oder digitale Diskussionsräume. Gleichzeitig verändern sich Erwartungen an Beteiligung: Sie soll schnell, unmittelbar und wirksam sein. Traditionelle Institutionen stehen vor der Herausforderung, diese Dynamiken aufzugreifen und in ihre Strukturen zu integrieren. Zugleich zeigt die Forschung, dass Jugendliche in einer vielfältigen Gesellschaft aufwachsen, in der unterschiedliche Werte, Lebensentwürfe und Zugehörigkeiten nebeneinander bestehen. Teilhabe bedeutet in diesem Kontext auch, Anerkennung und Sichtbarkeit für unterschiedliche Perspektiven zu schaffen.

Bedeutung für die Kinder- und Jugendarbeit

Für die Kinder- und Jugendarbeit ergeben sich aus den genannten Forschungsergebnissen mehrere zentrale Implikationen. Erstens ist es notwendig, Beteiligung konsequent an den Lebenswelten der Jugendlichen auszurichten. Zweitens müssen reale Einflussmöglichkeiten geschaffen werden, um Selbstwirksamkeit erfahrbar zu machen. Drittens erfordert Teilhabe eine besondere Aufmerksamkeit für soziale Ungleichheiten. Angebote müssen so gestaltet werden, dass sie auch bislang weniger erreichte Zielgruppen einbeziehen. Viertens sollten digitale Beteiligungsformen stärker berücksichtigt und sinnvoll mit analogen Formaten verknüpft werden.
Nicht zuletzt zeigt die Forschung, dass Teilhabe immer auch eine Frage von Haltung ist. Erwachsene Fachkräfte müssen bereit sein, Verantwortung zu teilen, Kontrolle abzugeben und die Perspektiven junger Menschen ernsthaft einzubeziehen.


Zwischenfazit:
Jugendliche wollen sich beteiligen und tun dies auch – allerdings unter veränderten Bedingungen. Teilhabe gelingt dort, wo sie lebensweltorientiert, wirksam und inklusiv gestaltet ist. Die Herausforderung besteht darin, bestehende Strukturen weiterzuentwickeln und so zu öffnen, dass sie den vielfältigen Bedürfnissen und Erwartungen junger Menschen gerecht werden.

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