Herausgeforderte Teenager: Was junge Menschen heute brauchen

veröffentlicht 30.10.2026, Fachbereich Kinder und Jugend im Zentrum Bildung in Kindheit und Jugend

Ein Beitrag zur neuen Studie „Herausgeforderte Teenager – Entwicklung vertrauenswürdiger Bedingungen des Aufwachsens“

Sie werden „Krisengeneration“ genannt: 
Die heute 13- bis 16-Jährigen sind während der COVID-19-Pandemie in die weiterführende Schule gewechselt – zwischen Kontaktbeschränkungen, eingeschränkten Freizeitmöglichkeiten und veränderten Bildungsbedingungen. Wie geht es dieser Kohorte heute? Und was braucht sie von uns?

Diesen Fragen sind Prof. Dr. Silke Gültlich (Internationale Hochschule Düsseldorf) und Prof. Dr. Kathinka Hertlein (Evangelische Hochschule Tabor) in einer qualitativen Studie nachgegangen. Sie haben Expertinnen und Experten aus dem Schulkontext in fünf Bundesländern interviewt und Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe in Fokusgruppen befragt. Die Ergebnisse sind als Open-Access-Band im wbv Verlag erschienen und frei zum Download verfügbar.

Was die Studie zeigt

Die Befunde zeichnen ein differenziertes Bild – keineswegs das einer „problematischen Generation“:

  • Psychische Belastungen nehmen zu: 63 Prozent der 14- bis 
    19-Jährigen berichten von psychischen Belastungen in den letzten zwölf Monaten. Stress, Erschöpfung, Selbstzweifel und Antriebslosigkeit stehen oben auf der Liste.
  • Einsamkeit ist verbreitet: Je nach Studie fühlen sich zwischen 38 und über 50 Prozent junger Menschen moderat oder stark einsam. Stabile Beziehungen zu Familie und Freundinnen und Freunden sind dagegen die stärkste Ressource für Wohlbefinden.
  • Digitalisierung ist Chance und Risiko zugleich: 93 Prozent nutzen täglich ihr Smartphone. Junge Menschen wünschen sich dabei selbst Unterstützung – etwa im Umgang mit Fake News.
  • Soziales Miteinander muss gelernt werden: Die befragten Fachkräfte beschreiben Jugendliche als reflektiert und sensibel – zugleich aber unsicher im Sozialverhalten und im kooperativen Miteinander, etwa in heterogenen Gruppen.

Die zentrale Botschaft der Autorinnen: Die Herausforderung liegt nicht im Verhalten der Jugendlichen, sondern in den Bedingungen, unter denen sie aufwachsen. Gefragt sind verlässliche, kooperative und präventiv ausgerichtete Strukturen.

„Struktur statt Reparatur“: sechs Handlungsempfehlungen

Aus den Ergebnissen leiten Gültlich und Hertlein klare Forderungen ab:

  1. Beziehungen strukturell absichern – kleinere Fallzahlen, verlässliche Kontaktzeiten und langfristige Stellenfinanzierung statt punktuellem Engagement.
  2. Soziales Lernen verbindlich institutionalisieren – Sozialkompetenz muss systematisch gelernt und geübt werden, ähnlich wie Fachkompetenz.
  3. Multiprofessionelle Kooperation systematisieren – Schule, Schulsozialarbeit und Kinder- und Jugendhilfe müssen auf Augenhöhe zusammenarbeiten.
  4. Elternarbeit als präventive Kernaufgabe stärken – niedrigschwellig, partnerschaftlich und abgestimmt.
  5. Prävention vor Intervention finanzieren – langfristige Förderlogiken statt projektbasierter Kurzfristigkeit.
  6. Politische Anwaltschaft wahrnehmen – denn, so eine befragte Fachkraft: „Für die Jugendlichen kämpft niemand auf dieser politischen Ebene.“

Was heißt das für die Evangelische Jugendarbeit?

Die Ergebnisse bestätigen, wofür unsere Arbeit steht: Kinder- und Jugendarbeit schafft Räume, Beziehungen und Strukturen, die vertrauensvolle Bedingungen des Aufwachsens ermöglichen. Gerade die non-formale Bildung – Gruppenstunden, Freizeiten, Begegnungen, Konfi-Arbeit – ist das Trainingsfeld, in dem junge Menschen soziale Kompetenzen, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit erfahren können.

Die Studie macht zugleich deutlich: Diese Wirkung braucht Verlässlichkeit. Beziehungsarbeit darf nicht vom Einzelengagement abhängen, sondern muss institutionell und finanziell abgesichert sein – gerade vor dem Hintergrund aktueller Kürzungen in der Kinder- und Jugendhilfe. Der 17. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung formuliert es auf den Punkt: Menschen brauchen Mitmenschen, Organisationen und Institutionen, „die sich auch als vertrauenswürdig erweisen“.

Genau daran wollen wir festhalten – für die herausgeforderte, aber zugleich potenzialreiche Generation, die uns anvertraut ist.

Zur Publikation

Silke Gültlich / Kathinka Hertlein: Herausgeforderte Teenager. Entwicklung vertrauenswürdiger Bedingungen des Aufwachsens. wbv Publikation, Bielefeld 2026. Open Access, frei verfügbar zum Download unter www.wbv.de/ISBN/9783763980611